Napoleon am Rhein

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Rheinland

31. Oktober bis 08.November 1811: Napoleon besucht das Rheinland

 Der Kaiser wird in einer Festrede vom Düsseldorfer Staatsrat  als “größte Null der Weltgeschichte” bezeichnet.

Hätte es damals schon eine Boulevard-Presse gegeben, so etwa wäre der Wortlaut einer Schlagzeile aus dem November 1811 gewesen. Aber erst im Vorjahr war das Presserecht noch einmal verschärft worden. Die Anzahl der Zeitungen im Rheinland hatte sich auf das Journal de la Roer reduziert, das direkt dem Präfekten Ladoucette unterstand. Ihm kam es auch zu, die aus Paris ergangenen Anweisungen für den Besuch an die Mairien zu kommunizieren. Der zeremonielle Ablauf der Reise orientierte sich an den Huldigungsreisen, deren Protokoll seit den Zeiten Karls des Großen von den reisenden Höfen aufgegriffen wurde. Napoleon wollte mit der Reise von 1811 seinen dynastischen Herrschaftsanspruch auch der Bevölkerung der neuen Departements am Rhein demonstrieren. Ein Jahr zuvor hatte er mit Marie Louise eine Prinzessin aus dem Haus Habsburg geheiratet, am 20. März 1811 war der erwartete Thronfolger geboren worden. Für den Kaiser war es vor allem aber auch ein Arbeitsbesuch und diente der Überprüfung der Beamtenschaft, für viele ein schweißtreibender Besuch. Den Regionen am Rhein bot der Besuch Gelegenheit, ihre Anliegen direkt dem Kaiserpaar vorzutragen, ohne den Umweg über den napoleonischen Beamtenapparat.

Napoleon heiratete Marie-Louise von Habsburg 1810

1804 hatte Napoleon in Begleitung Josephines das Rheinland zum ersten Mal besucht. Damals hatte man ihn als den großen Friedensstifter begrüßt. Das Konkordat mit dem Papst hatte ihm im katholischen Rheinland Sympathien gebracht, in Köln bestätigte er das Stapelrecht 1, seit dem Mittelalter Quelle des Wohlstands der Stadt, und konnte sich des Jubels der Bevölkerung gewiss sein.

Naive Ausdrücke süßen Mitgefühls und sanfter Empfindungen 2

Der Besuch von 1811 stand unter anderen Vorzeichen, wie der Advokat Haaß aus preußischer Zeit rückblickend berichtet: “die Ureinwohner der Stadt [Köln], welche sehr treu am deutschen Reich hingen, [störten sich an] der Conscription und dem Douanen-Zoll. Die Gesetze der Douane waren barbarisch strenge, wodurch man das Continental-System möglichst erfolgreich durchzuführen beabsichtigte.” 3

Die Kontinental-Sperre gegen englische Waren spürte das mittlere Bürgertum in den Verteuerungen, für viele Unternehmer brachte es dagegen einen Boom ihres Wirtschaftszweiges mit sich (so etwa in der Zuckersiederei und den Webereien). Die Quote der Konskription – also der Truppenaushebung – lag im Roer-Department mit 3 % immer noch unter der Quote des gesamten Empire zu diesem Zeitpunkt (5.5 % der wehrpflichtigen Bevölkerung) 4. Da man sich aber z.B. in Köln zu reichsstädtischer Zeit kollektiv vom Waffendienst freigekauft hatte, galt die Konskription als unbeliebte Zwangsmaßnahme.

Es war aber dennoch kein Ausdruck des Protestes, dass Napoleon sich von dem Staatsrat des Herzogtums Berg als “größte Null” bezeichnet hörte, sondern ein sprachlicher Fauxpas, von dem der Düsseldorfer Justizbeamte und Zeitzeuge Christoph Wilhelm Heinrich Sethe berichtet:

“der Staatsrat Fuchsius hatte [...] das Manuskript einer solchen Rede erhalten, worin Napoleon un des plus grands héros genannt wurde. Fuchsius war nicht sehr bewandert in der französischen Sprache und wusste nicht oder hatte vergessen, dass héros zu den wenigen Wörtern gehört, in denen das “h” wie im Deutschen gesprochen wird. Er sprach daher jene Worte so aus, dass sie klangen wie un des plus grandséros, wodurch er also ohne sein Wissen Napoleon die größte Sottise sagte, nämlich, dass er eine der größten Nullen (zéros) sei.” 5

Die unmittelbare Reaktion Napoleons auf diese Äußerung ist nicht überliefert, er gewann jedenfalls dennoch einen guten Eindruck von Düsseldorf, damals Hauptstadt des Herzogtums Berg. Er schenkte der Stadt den Hofgarten und kündigte eine jährliche Summe für Verschönerungsmaßnahmen an. Außerdem stellte er der Stadt die Gründung einer Universität in Aussicht und einen Bischofssitz. Beides Dinge, um die Köln sich zu diesem Zeitpunkt vergeblich bemüht hatte 6. Überhaupt verlief der Besuch in Köln ganz anders als geplant.

“Geht nach Düsseldorf und lernt dort, wie man einen Kaiser empfängt!” 7

Napoleons Einzug in Düsseldorf im Nov. 1811

Es war vor allem die Düsseldorfer Gewerbeausstellung, die Napoleon in angenehmer Erinnerung geblieben war, – er ließ sich die Musterbücher nach Paris kommen – denn Kern seiner Wirtschaftspolitik war die Unabhängigkeit von (englischen) Importen. Er war daher an Begegnungen mit Vertretern der Wirtschaft besonders interessiert. Schon 1804 hatte man ihn “Arm in Arm” mit dem Seidenfabrikanten Fritz von der Leyen spazieren sehen. Die dynastische Verankerung seiner Herrschaft sollte aber auch auf den alten Adelsfamilien ruhen, eine Einstellung, die in Köln für einen Eklat sorgte. Zum Kommandanten der dort (wieder) eingesetzten Ehrengarde wurde der Graf Joseph von Salm- Reiferscheidt-Dyck bestimmt. Nicht nur der alte Kommandant der Garde – Friedrich Peter Herstatt – weigerte sich, unter dessen Befehl zu treten: Man fühlte sich im bürgerlichen Selbstbewusstsein gekränkt. Die Teilnahme an der Garde war aber vor allem unbeliebt wegen der Kosten, die jeder selbst für seine Ausstattung aufbringen musste und die sich auf 450 Franc beliefen 8. Die Besetzung der kaiserlichen Ehrengarde fiel (nicht nur) in Köln daher eher dünn aus und soll Napoleon zu der Bemerkung veranlasst haben, die Kölner sollten nach Düsseldorf gehen um zu sehen, wie man einen Kaiser empfängt.

Er trug aber auch selbst Schuld daran, dass sein Besuch in Köln Improvisation erforderte. Seine Ankunft sollte am nördlichen Kölner Stadttor erfolgen, dem Eigeltor oder Porte de l´Aigle, aber Sulpiz Boisserée notierte in sein Tagebuch: “Dien. 5.11 kam Napoleon um 1 Uhr über Deutz, die Kaiserin ¼ Stunde später über Mülheim.” 9 Köln hatte damals noch keine feststehende Brücke. Der Übergang von Deutz/ Mühlheim erfolgte über die “fliegende Brücke” 10. Napoleon betrat die Stadt also gewissermaßen durch den “Hintereingang”, Triumphbögen, Festreden, symbolische Schlüsselübergabe – alles musste improvisiert werden. Anschließend nahm das hohe Paar Quartier im Haus Zuydwyck, einem der wenigen großen Palais in Köln. 11

Die Sorge der Kölner galt immer wieder dem Erhalt der Bauruine Dom, aber Napoleon besuchte das Gotteshaus nicht, sondern überließ das Marie Louise. Sie nahm die Bittschrift für eine Donation zur Restaurierung der “schauerlichen Ruine”, wie Josephine den gotischen Koloss genannt hatte, entgegen. Napoleon spazierte derweil unerkannt durch Köln, machte sich ein Bild von den Zuständen in den Armenvierteln rund um den Perlengraben und stellte 12 000 Franc zu deren Sanierung zur Verfügung 12. Dann reiste er nach Bonn weiter.

Der Besuch hatte für die Kölner Stadtoberen wenig Greifbares gebracht. Die Festungsanlagen sollten ausgebaut werden, ebenso wurde der Baubeginn für den Freihafen im Kölner Norden angesetzt.13 Das dortige Denkmal für Napoleon war aus Mangel an Geldern wieder eingespart worden. Statt dessen hatte man eine Kopie des Gemäldes vom Übergang über den großen St. Bernhard angeschafft – das einzige heute (im Stadtmuseum) noch sichtbare Relikt des Besuchsjahres 1811.

Jubelte nur der Pöbel? – Ein Fazit

 Haus Zuydwyck; Quelle: Wikipedia

Die meisten Schilderungen der Zeitgenossen entstanden im Nachhinein unter veränderten politischen Vorzeichen. Nicht selten wollten die Schreiber sich und ihre rheinische Heimat den neuen preußischen Machthabern empfehlen und betonen das Erzwungene der Begeisterung für Napoleon oder lasten es dem Pöbel an, dass er sich vom Schauwert habe verführen lassen.

Andererseits sind die Erinnerungen an den Besuch von 1811 aber auch Protest gegen die Machtverhältnisse nach 1815 – das bekannteste Beispiel dafür ist Heinrich Heines Schilderung des Einzugs Napoleons in Düsseldorf:

Aber wie ward mir erst, als ich ihn selber sah, mit hochbegnadigten, eigenen Augen, ihn selber, Hosiana! den Kaiser. [...] Der Kaiser trug seine scheinlose grüne Uniform und das kleine, welthistorische Hütchen. Er ritt ein weißes Rößlein, und das ging so ruhig und stolz, so sicher, so ausgezeichnet – wär ich damals Kronprinz von Preußen gewesen, ich hätte dieses Rößlein beneidet. [Das Auge des Kaisers] war ein Auge klar wie der Himmel, so konnte es lesen im Herzen der Menschen, es sah rasch auf einmal alle Dinge dieser Welt, während wir anderen sie nur nacheinander und nur ihre gefärbten Schatten sehen. [...], und das Volk rief tausendstimmig: es lebe der Kaiser!” 14

In den wenigen unmittelbaren Quellen (Tagebüchern) ist selten etwas von einer ideologisch aufgeheizten Bewertung zwischen “treudeutsch” und “bonapartistisch” zu finden. Hier stehen pragmatische Aspekte im Vordergrund: Der reibungslose Ablauf und die Möglichkeit, Anliegen an höchster Stelle zu Gehör zu bringen.

Für Napoleon waren solche Reisen ein Stimmungsbarometer, auch wenn er sich bewusst war, dass das strenge Protokoll selten einen unverfälschten Eindruck der Stimmung zuließ. Er hatte begonnen, seine Herrschaft aus der plebiszitären Verankerung zu lösen, aber die Berichte über seinen Rheinland-Besuch 1811 zeigen, dass es ihm noch nicht gelungen war, eine (emotionale) Loyalität zu seiner Dynastie in der dortigen Bevölkerung herzustellen. Die Zustimmung zu seiner Herrschaft hing vom eigenen Vorteilsempfinden ab, ein “modernes Problem”, dem Napoleon sich wie kein anderer Herrscher seiner Zeit stellen musste. Die verschlechterte Wirtschaftslage hatte die Begeisterung für den Erneuerer in Skepsis gewandelt. Das jedoch war für die Rheinländer kein tief gehendes ideologisches Zerwürfnis. Die Unterstützung für Napoleon als Herrscher bemaß sich nach wie vor an pragmatischen Aspekten, wie die Anmerkung eines Bürgers zeigt, der in die Abstimmungsrolle über das dynastische Kaisertum Napoleons 1804 geschrieben hatte: “Wann Bonaparte mir mein weggenohmenes eigenthum wiedergibt, so macht ich leyden, daß er Kayser wird. Henr. Gappertz.” 15

Erst nach der Katastrophe des Russlandfeldzuges 1812 nahm die Verweigerungshaltung der Rheinländer gegenüber der Herrschaft Napoleons zu.

Anmerkungen

1 Das Stapelrecht besagte, dass alle Kaufleute, die Köln passierten, ihre Waren dort sechs Wochen lang zum Verkauf anbieten mussten.                                                                 2 Aus den Anweisungen des Präfekten Ladoucette an die Mairien; zitiert nach: Veit Veltzke: Napoleons Reisen zum Rhein und sein Besuch in Wesel 1811, in: Veltzke, Veit: Napoleon. Tricolore und Kaiseradler an Rheinund Weser, Köln 2007 (Ausstellungskatalog)                                                                                                                                       3 zitiert nach: Cardauns, Hermann (Hrsg.): Aus dem alten Köln. Vor 60 und vor 120 Jahren, Köln 1920.                                                                                                                     4 vgl.: Müller, Klaus: Köln von der französischen zur preußischen Herrschaft 1794-1815, Geschichte der Stadt Köln Bd. 8, Köln 2005                                                                           5 Klein, Adolf/ Bockemühl, Justus (Hrsg.): 1770-1815 Weltgeschichte am Rhein erlebt. Erinnerungen des Rheinländers Christoph Wilhelm Heinrich Sethe aus der Zeit des europäischen Umbruchs. Köln 1973.                                                                                                                                                                                                                    6 Der Bischofssitz war nach Aachen verlegt worden, die Kölner Universität war zu Zeiten der Republik aufgelöst worden.                                                                                             7 Äußerung Napoleons zitiert nach: Hashagen, Justus: Das Rheinland und die französische Herrschaft. Beiträge zur Charakteristik ihres Gegensatzes (Habilitationsschrift), Bonn 1908 8 zum Vergleich: ein Tagelöhner verdiente 1811 durchschnittlich 1,33 Franc pro Tag; das Jahresgehalt eines Priesters betrug 500 Franc.                                                                     9 Sulpiz Boisserée: Tagebücher 1808-1823, Darmstadt 1978                                                                                                                                                                               10 “Schwere Doppel-Pontons, durch Ketten verbunden, bildeten eine breite mit Planken belegte Straße, deren Zugänge, je nach dem Wasserstand, bergauf oder bergab führten.” Zitiert nach: Cardauns, Köln.                                                                                                                                                                                                                                        11 Das Haus Zuydwyck in der Gereonsstr. trug im Volksmund noch lange die Bezeichnung “auf/bei Marie-Louise”, was vor allem auf den Kurzbesuch der Kaiserin im August 1813 zurück ging, wo sie erneut in dem Palais wohnte. Das Haus existiert heute nicht mehr.                                                                                                                                            12 Klein, Adolf: Köln im 19. Jahrhundert, 1992. Leider gibt es hierzu keine nähere Quellenangabe.                                                                                                                            13 Im Aushub für den Freihafen befindet sich heute die Parkanlage am Theodor-Heuss-Ring                                                                                                                                      14 Heinrich Heine: Ideen. Das Buch Le Grand, in: Heinrich Heine Werke Bd. 2, hrsg. v. Wolfgang Preisendanz, Frankfurt/ Main 1968.                                                                          15 zitiert nach: Historisches Archiv der Stadt Köln (Hrsg.): Die Französischen Jahre. Ausstellung aus Anlass des Einmarsches der Revolutionstruppen in Köln am 6. Oktober 1794, Köln 1994.

 

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