Romane

Auszug aus: “Zur Hölle! Zur Freiheit!”

Prolog

Ins freie Land

 Das aufflackernde Licht versetzte die Pferde in Unruhe. Sie hoben die Köpfe und stampften in ihren Unterständen. Fabian senkte die Laterne und sprach besänftigende Worte. Die Geräusche der Tiere durften ihn nicht verraten. Um die Zeit nach der Vesper hatte er wie alle Seminaristen in der Zelle zu verweilen, und sollte man ihn im Stall antreffen, war ihm eine Buße gewiss: Vor einem Prälaten, vor einem Heiligenbildnis, an einer Kirchentür, auf Knien in jedem Fall, wie er es in den vergangenen Jahren allzu oft hatte ableisten müssen – und deswegen wollte er endlich fort von dem Priesterseminar, auf das sein Vater ihn gezwungen hatte.

 Er setzte die Tasche ab und horchte. Vom Innenhof drang kein Laut, und nun wagte er es, die Laterne anzuheben. Der Schein fiel auf gekalkte Wände und kleine Fenster mit schwarzen Spinnweben, auf Streu und Wassereimer. In der kalten Luft lag der feuchte Geruch von Pferdeharn. Er trat zu den Holzgattern der Unterstände. Die Tiere drehten sich und schnaubte, wandten ihm das Hinterteil mit dem drohend eingeklemmten Schweif zu. Nur ein Brauner stand ruhig an seinem Platz und sah Fabian mit aufgestellten Ohren entgegen. Das würde das Pferd sein, das ihn aus dem Fürstbistum Fulda hinaustragen sollte.

 An der Kopfwand hing das Zaumzeug an Haken, davor, auf dem Sattelbock, lagen die Sättel aufgereiht. Fabian ließ das Licht darüber gleiten und dachte an die heimische Sattlerei: An das Treiben der Gesellen, an die Pferde und Wagen im Hof, an Lederzuschnitte, Schablonen und Rosshaar – und an die Lederriemen, mit denen sein Vater ihn schlug, um ihn zur Folgsamkeit zu zwingen. Doch damit hatte er nur Fabians Bereitschaft zum Trotzen gestärkt.

 Er vermochte den passenden Sattel nicht herauszusehen. Wählte er aber den falschen, konnte das Pferd bocken und seine Flucht nähme ein schmähliches Ende auf dem Pflaster des Hofes - hatte er doch zuvor wenig Gelegenheit gehabt, sich auf dem Pferderücken zu üben. Er musste es wagen. Mit dem Bügel der Laterne zwischen den Zähnen fasste er mit beiden Händen den Sattel mit der dicksten Unterlage.

 Er lag gut auf, doch kaum hatte Fabian ihn gegurtet, hörte er Stimmen im Hof. Es war ein müßiges Geplauder in hessischer Mundart – Bedienstete des Seminars, deren Schritte nun näher hallten. Jemand, der sein Pferd hier eingestellt hatte? Rasch bückte sich Fabian nach der Laterne, öffnete das Glas und löschte die Flamme. Sein Blick fiel auf die Tasche. Vielleicht erwartete ihn diesmal doch eine gestrengere Strafe: Er hatte zwei vergoldete Kerzenständer aus der Kapelle genommen, da er sonst kein Geld hatte – und keine Papiere. Er musste mit Gold nachhelfen, um aus dem Fürstbistum herauszukommen, und über Mannheim, wo die französischen Revolutionstruppen am Rhein lagen, nach Strasbourg zu gelangen.

 

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