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Das leere Blatt

Eine kleine Einführung in Literatur als Weg

                    Erzählt euch keine Geschichten!

                                                                                    - Buddha-

 

Eine Geschichte hat ihrem Wesen nach einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Diese sind verbunden durch sinnhafte Zusammenhänge und veranlasst durch Absichten. Und eben deswegen warnt Buddha davor, sich Geschichten über die Welt und sich selbst zu erzählen, denn im Grunde gibt es nur zwei Arten von Geschichten:

1. Die schönen Geschichten - sie führen zu Erwartungen und Anhaftung, folglich

    zu Enttäuschung und Leiden, wenn sie sich nicht erfüllen oder zu Ende gehen.

2. Die schlimmen Geschichten - sie führen zu negativen Gefühlen und Gedanken

    und zu Ängsten, selbst wenn sie nicht eintreten.

Darüber hinaus ist eine Geschichte immer ein Ausschnitt - sie braucht ja einen Anfang und ein Ende - und kann daher der Natur allen Existierenden nicht gerecht werden. Die Schere, mit der wir schneiden, sind unsere Absichten, sie gaukeln uns einen Sinn vor, wo keiner ist. Es macht keinen Sinn, einen Fluss als 300 Milliarden Schluck Wasser zu erzählen, aber für den Durstigen ist es das, worum es geht.

Gibst es also keinen Weg von der buddhistischen Praxis zum Geschichtenerzählen?

 

 

           "Innerer Friede ist was für Weicheier!"

                                             - Bender in Matt Groenings "Futurama" -

... Recht hat der Bier trinkende Roboter Bender, wenn man glaubt, innerer Frieden bedeutet, all die Fäden zu kappen, an denen man durch´s Leben gewirbelt wird. Innerer Frieden meint aber, die Fäden selbst in die Hand zu nehmen und von der Puppe zum Puppenspieler/ zur Puppenspielerin zu werden. Und das geht ganz einfach: Man muss sich dazu entscheiden, oder, um bei Buddhas Lehrsatz zu bleiben: Werdet euch bewusst, dass ihr Geschichten erzählt.

 

Und wer macht das bewusster als Schriftsteller*innen?

 

Sie lernen, wie eine Geschichte aufgebaut ist, sie wählen aus, sie konzipieren, sie erschaffen Figuren und lassen sie untergehen. Sie erlangen Einsicht in das Bedürfnis der Menschen, Geschichten zu erzählen.

Jeder Mensch sollte sich einmal hinsetzen und eine Geschichte verfassen - man wird unweigerlich etwas über sich selbst lernen, wird plötzlich die Fäden sehen, an denen das eigene Handeln/ Verhalten hängt, auch wenn die Geschichte gar nicht von einem selbst handelt. Es geht dabei nicht darum, etwas zu ändern oder zu verbessern, sondern darum zu betrachten:

"Show, don´t tell" - dieses Mantra vieler Schreibratgeber hat eine Verbindung zu

"look, don´t judge", eine der wichtigsten Übungen im Zen.

 

 

"Was ein Schriftsteller wirklich tun sollte, ist Bücher schreiben und die Klappe halten!"

                                       - William Golding, Literaturnobelpreisträger - 

Literatur - das ist die Kunst des schriftlichen Geschichtenerzählens.

 

Und was ist gute Literatur?

"Schneide dich nicht am Papier!"

 

 - das ist ein Koan, ein aus der Zenpraxis entstehender Ausspruch, der dazu führen soll, dass man die herkömmlichen Gedankenwege verlässt.

Es ist schön, tröstende Geschichten zu erzählen - noch besser ist es zu fragen, warum Menschen getröstet werden müssen; es ist waghalsig, verstörende Geschichten zu erzählen - noch besser ist es, zu verstehen, warum bestimmte Dinge Menschen verstören.

Nur am Ende aller Geschichten - im Schweigen - kann auch ihr Anfang sein, daher sollten Schriftsteller*innen öfter mal "die Klappe halten". Das ist die Zeit, in der man alle Fäden in die Hand nimmt, und das verstehe ich unter "bungaku-do"

Literatur als Weg.

 

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© M.T. Schurkus