Tausendseiten
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Ein Lebensbild in Dackeln

 

Als Kind hatte ich kein Interesse an Büchern, das Lesen machte mir keinen Spaß. All die Ponyhofbücher, die Hanni und Nannis, Bullerbüs und Nesthäckchens blieben ungelesen. Meine Lektüren als Jugendliche waren John-Sinclair-Hefte, das MAD-Magazin und Edgar-Wallace-Krimis. Vor allem aber war ich versessen auf Hörspiele - mein liebstes war “Die Meuterei auf der Bounty”. Die Szene, in der Fletcher Christian Kapitän Bligh auf dem Beiboot aussetzt, hörte ich mir wieder und wieder an. Es faszinierte mich, dass beide Menschen Fehler begangen hatten, die ebenso unausweichlich wie vernichtend waren. Vielleicht erwachte so meine Begeisterung für Historisches: Weil es mir meine erste Begegnung mit Tragik brachte. Sicherlich ist das der Moment, in dem wir erwachsen werden: Wenn wir begreifen, dass die schlimmsten Dinge unausweichlich sind – Krankheit, Verlust, Tod. Von da an stürzte ich mich auf die großen Werke der Weltliteratur. Und der erste Dackel kam in unseren Haushalt.

 

 

 

 

 

 

Benji - 1982-1995

 

The Civil-War-Years

 

In der Schule sollten wir den Roman „Onkel Tom´s Hütte“ vorstellen. Ich wollte alles über die Zeit der Sklaverei in Nordamerika wissen, vor allem über den Bürgerkrieg, der sie beendete. Ich begann, mir Geschichten dazu auszudenken, und ich begann, sie aufzuschreiben. Ich war mir nicht bewusst, dass ich dabei war, einen Roman zu schreiben (ich war gerade 13 Jahre alt), denn das war nie mein Vorsatz gewesen. Als ich 1990 die Schule abschloss, wagte ich es nicht, „Schriftsteller“ als Berufswunsch anzugeben, denn damit wird man bei der Beratung etwa so ernst genommen, als wollte man Prinzessin oder Geisterjäger werden. Also machte ich eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Aber meine Liebe zu Geschichten war immer größer als die zu Büchern, und diese Liebe wurde immer mehr durch das Kino bedient als durch die Literatur – Star Wars, Ghostbusters, Star Trek, darum drehte sich mein Denken. Kopfkino – das ist für mich immer noch das Beste, was ein Buch erreichen kann.

 

 

 

 

 

Harriet 1994 - 2011

Napoleon und die Folgen

 

Wie funktionieren gute Geschichten? Um das zu erfahren, studierte ich Literaturwissenschaften, Schwerpunkt Amerikanistik.  Auch wenn ich meinen zweiten Dackel nach der Autorin von „Onkel Toms Hütte“ benannte, verblasste mein Interesse am Civil War. Aber das 19. Jahrhundert hält auch andere große Dramen bereit – eine Reise nach Landshut weckte mein Interesse an der napoleonischen Zeit. Nach meinem Magister-Abschluss 2003 entstanden zwei biografische Romane und ein Krimi, die in der Epoche Napoleons spielen. Und wie heißt es in (schlechten?) Filmen immer so schön: Das war erst der Anfang! Ich wagte den Schritt in die mäßig gegen finanzierte Freiberuflichkeit als Autorin und Lektorin.

 

 

 

 

Yarvis - seit 2011 Dackel-Placebo aus Stoff

Heutzutage

 

Als Kind gehörte es zu meinen ersten Berufswünschen, zur See zu fahren, zur Kavallerie zu gehen oder - wegen fürsorglicher Betreuung nach einer Blinddarm OP - Nonne zu werden. Inzwischen weiß ich, dass ich alle Berufswünsche verbinden kann, indem ich schreibe. Ich habe durch das Schreiben viele spannende Begegnungen erlebt - mit Kollegen im BVJA, in der Lauschtour, in Quo Vadis, Montsegur, FAUST. Mein jüngstes Romanprojekt führt mich wieder in die Gegenwart, es geht um das Schreiben, die Liebe, um 67 weiße Kaninchen und das Tier bei den Mülltonnen, das in uns allen lebt. Das Schönste am Schreiben ist, dass es mich immer wieder zu überraschen versteht. Ich schreibe das erste Wort, den ersten Satz und warte gespannt auf das Echo. So entstehen meine Geschichten.

 

 

 

 

 

 

Auch das noch:

 


  • zitiert gerne “Spongebob” und “Die Simpsons”
  • reist mit einem Stoffdackel als Maskottchen
  • ist Fan von Robert Downey Jr.
  • meidet Autos und Flugzeuge
  • kann jedes Jahr den Herbst kaum erwarten
  • hat eine Urne ihres letzten Dackels auf dem Fensterbrett
  • praktiziert seit 20 Jahren Zen
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© Tanja Schurkus