Tausendseiten
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Schlüsselloch ... ein heimlicher Blick auf Texte

 

 

... diesmal ein Auszug aus Picauds nächstem Fall "Die Verschwörung der Ketzer".

 

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1806 - In einem Gasthof in Rennes liegt ein prominenter Toter: Admiral Villeneuve, der Verlierer der Schlacht von Trafalgar. Wie kam er ums Leben? Selbstmord, heißt es schnell. Aber Picaud kommen rasch Zweifel: Konnte der Admiral sich tatsächlich so viele Messerstiche in die Brust beifügen? Etwas aus dem Besitz des Admirals ist verschwunden: Eine Tonscherbe aus Ägypten. Ihr viele tausend Jahre alter Text soll einen Fluch bringen; bald schon sieht sich Picaud in eine Verschwörung verwickelt in der eine Koptin, ein zwielichtiger Engländer und eine Dame der Pariser Gesellschaft eine entscheidende Rolle spielen ...

 

[...]

 

Picaud war wieder zu Atem gekommen und trat unter den Balkon, auf dem der einarmige Veteran halb verborgen stand.

Du weißt, wer diese Leute sind, die mich überfallen haben?“, rief er hinauf.

Nein, weiß ich nicht. Ich weiß nur, was sie wollten.“

Und du hast ihnen geholfen, weil sie dir Geld gegeben haben.“

Man muss schauen, wo man bleibt.“ Der Veteran hob den leeren Ärmel an.

Du bist der Mitwisser eines Mordes – willst du, dass ich mit der Polizei hierher zurückkomme?“

Selbst im mäßigen Licht der Gasse konnte Picaud erkennen, dass ein spöttisches Lächeln um den Mund des ehemaligen Soldaten lag. „Die Polizei, der du erzählt hat, du seist ein Spitzel Fouchés? Die Polizei, die dich aus Rennes ausgewiesen hat? Bacon ist nicht gut auf dich zu sprechen. Falls du noch einmal bei ihm erscheinst, wird er dich verhaften, nicht mich. Ich bin nur ein Krüppel, der viel hört und viel sieht ...“

- Und beunruhigend gut Bescheid wusste. Offenbar war er auch bereits dafür bezahlt worden, Picaud auszuspionieren – aber von wem? Von der Polizei oder gar von den Übeltätern?

Picaud blickte nach der Tür des Hauses, aber auch das hatte der Veteran gesehen und sagte: Die ist verschlossen. Du könntest mich ein ganzes Jahr in Rennes suchen und nicht finden.“

Das glaubte Picaud sofort und versuchte es daher anders:

Kamerad: Fremde sind hierher gekommen und haben einen getötet, der wie du und ich für Frankreich gekämpft hat – und du hast ihnen dabei geholfen! Warum?“

Der Veteran verschwand im Schatten des Gebälks. Ungeduldig von den wirren Andeutungen probierte Picaud nun doch die Tür, aber sie war verriegelt. Oben hatte der Veteran zu singen begonnen:

Nehmt euch in Acht vor der Royal Navy und ihren trügerischen Fahnen, branle bras! Branle bras! ...“

Wieder in der Gasse fragte Picaud: „Im Besitz des Admirals befand sich eine Scherbe – wurde er deswegen ermordet? Waren die Mörder die Burschen, die ich verfolgt habe?“

Nehmt euch in Acht vor der Royal Navy...“ Der Veteran trat wieder an die Brüstung: „Du solltest Rennes verlassen und deinen Schützling mitnehmen. Ihr Wissen ist gottlos und der Bote Gottes wird sie richten.

Nehmt euch in Acht vor der Royal Navy ... ich habe dir doch von dem Hund erzählt, der meinen Arm geraubt hat: Dort ist er.“

Mit dem verbliebenen Arm zeigte er in die Gasse. Dort stand ein schwarzer Wolfshund, die Augen auf Picaud gerichtet, die Ohren aufgestellt. Picaud wusste nicht, ob der Veteran verrückt war oder nur so tat – dieser Hund jedenfalls war wirklich und kam langsam näher. Wenn er abgerichtet war zu töten, so wäre es um Picaud geschehen. Noch einmal sah er zu dem Balkon auf, doch der Veteran war fort. Niemand war in der Gasse. Nur der Hund, der seine Nase anfeuchtete. Da sein Vater ein Viehhändler gewesen war, hatte Picaud schon als Kind gelernt, dass Tiere nur vom Menschen verdorben werden konnten. Wie es um diesen Hund bestellt war, konnte er nur auf eine Weise herausfinden: Er ging mit großer Selbstverständlichkeit auf den Hund zu, nicht in der zögerlichen Art, die Hunde misstrauisch machte, und klopfte dem großen Tier die Schulter, wie einem wiedergefundenen Freund. Tatsächlich ruckte der Schwanz kurz, doch die Anspannung blieb im Körper des Tieres und sein Blick war immer noch der des Raubtieres. Picaud fasste sich in die Westentasche, sortierte Unsichtbares in seiner Hand und die Neugierde siegte bei dem Hund: Er wimmerte kurz mit Ungeduld, Picaud hielt ihm die Hand hin, die der Wolfshund mit freundlichem Interesse beschnüffelte. Nach ein paar Worten setzte Picaud seinen Weg fort – gefolgt von dem Hund. Picaud wusste: Sollte sein Besitzer einen Befehl rufen, würde der Hund ihn anfallen. Picaud wandte sich nicht um, hörte nur das gleichmäßige Tappen auf dem Pflaster. Erst an der Mündung zur Place des Lices blieb der Hund zurück, markierte die Ecke und verschwand wieder in der Gasse. Picaud atmete durch, schnäuzte sich und machte sich auf den Rückweg zu Arousha. Ob sie ihm erklären konnte, worin ihr „gottloses Wissen“ bestand?

 

 

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© Tanja Schurkus